MIDSUMMERSAIL 2026, wie es sein könnte

Die MidsummerSail ist das längste Segelrennen auf der Ostsee. Sie startet am südlichsten Punkt der Ostsee in der Wismarbucht und endet an der nördlichsten Tonne der Ostsee vor dem Hafen von Töre.

Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden erfahrenen Seeseglern aus unserer Seglervereinigung Werder sind rein zufällig.

Die CONZISKA, eine Segelyacht vom Typ Feeling 346, lag in der Marina Weiße Wiek und vibrierte vor Tatendrang – oder war es nur der Kühlschrank, den Santiago gerade mit Vorräten für eine kleine Armee füllte? Die MIDSUMMERSAIL stand an:

900 Meilen nonstop bis zur gelben Tonne vor Töre.

Vier Männer, ein Boot und die Frage, ob der Ostseeraum groß genug für sie alle war.

Martin, der Skipper, stand am Steuerstand und strich zärtlich über das Deck. Er hatte die Route im Kopf, die Polardiagramme im Blut und die Ruhe eines Mannes, der weiß, dass er ca. 9 Tage lang die Verantwortung für drei Halbstarke trägt. „Männer“, sagte er mit väterlicher Strenge, „wir segeln auf Sieg. Aber wehe, jemand verlegt die Kaffeelöffel!“

Sven, der Mann für die Technik und das „Grobe“, hatte bereits das gesamte Deck mit Kameras und Sensoren verkabelt. Er war der Meinung, dass man die Strömung nicht spüren, sondern messen muss. „Martin, wenn wir den Trimm der Genua um zwei Millimeter ändern, erreichen wir Töre drei Stunden früher“, erklärte er, während er mit einem Multimeter bewaffnet im Maschinenraum verschwand, um sicherzustellen, dass die Ladeströme so stabil wie Martins Nerven waren.

Thomas hingegen war der Fels in der Brandung – solange es etwas zu tun gab. Er checkte die Leinen zum zehnten Mal und sortierte das Werkzeug nach Farben. Er war der Typ, der selbst bei Windstärke 8 noch einen sauberen Palstek knotete, während er gleichzeitig überlegte, ob man die Winschen nicht noch ein bisschen mehr polieren könnte. „Hauptsache, das Boot läuft stabil“, murmelte er, „und wir haben genug Schokolade für die Nachtwache.“

Und dann war da Santiago. Santiago hatte das südländische Feuer an Bord gebracht – und zusätzlich zum Segeln vor allem die kulinarische Rettung. Während die CONZISKA bei der Ausfahrt aus der Wismarer Bucht die erste Schräglage einnahm, balancierte er unter Deck bereits mit einer Pfanne. „Martin, Amigo! Wir können nicht nach Schweden segeln, ohne dass die Seele glücklich ist!“, rief er hoch. Kurz darauf zog der Duft von Knoblauch und feinstem Olivenöl durchs Cockpit, was selbst die Möwen dazu brachte, ehrfürchtig das Weite zu suchen.

Die Fahrt wurde zu einem epischen Duell der Philosophien.
Sven starrte auf die Monitore und analysierte Windfelder, als wären es Aktienkurse. Thomas optimierte das Deckslayout so effizient, dass man blind über das Boot laufen konnte. Santiago verwandelte die kleine Pantry in ein Sternerestaurant und schaffte es, selbst bei 20 Grad Lage eine Paella zu servieren, die Martin kurzzeitig vergessen ließ, dass sie eigentlich ein Rennen segelten.

„Sven, hör auf zu rechnen, wir haben 10 Knoten Speed!“, lachte Martin, als sie Gotland passierten.
„Aber laut Berechnung müssten es 10,2 sein!“, rief Sven zurück, während er verzweifelt versuchte, das WLAN der vorbeifahrenden Fähre anzuzapfen.

Die Ostsee hatte sich bis kurz vor dem Ziel von ihrer spiegelglatten Seite gezeigt, doch als die 

CONZISKA die schwedischen Schärengärten vor Töre erreichte, entschied sich der Wettergott für das Szenario „Mystisches Nordland“. Ein dicker, weißer Nebel wallte auf, als hätte jemand eine gigantische Nebelmaschine angeworfen. Sichtweite: gefühlte drei Bootslängen.

„Männer, jetzt wird’s chirurgisch“, verkündete Martin und legte die Stirn in Falten. Vor ihnen lag ein Labyrinth aus Granitbuckeln, die knapp unter der Wasseroberfläche lauerten – die berüchtigten „tückischen Schären“.

Sven war in seinem Element. Er klebte förmlich am Kartenplotter. „Martin, hart Steuerbord! Da vorne ist eine Untiefe, die heißt übersetzt ‚Schiffbruch-Stein‘. Kein Witz!“ Er tippte wild auf seinem Tablet herum, das nach der Fast-Katastrophe der letzten Nacht jetzt mit einer extrastarken Sicherheitsleine an seinem Handgelenk baumelte. „Ich lege ein Overlay aus Radar und Satellitenbildern drüber. Wenn wir 1,5 Meter weiter links fahren, schrammen wir nicht mal an den Algen!“

Thomas stand vorn am Bug, die Augen zusammengekniffen, die Hand fest am Vorstag. Er war das menschliche Echolot. „Nichts zu sehen, Martin! Aber ich höre Brandung auf zwei Uhr!“ Sein Körper war gespannt wie eine Feder. Jedes Mal, wenn ein dunkler Schatten im Nebel auftauchte, gab er kurze, präzise Handzeichen. „Ruhig Blut… noch zehn Meter… jetzt leicht abfallen!“

Unter Deck herrschte eine ganz andere Art von Konzentration. Santiago hatte realisiert, dass die Manöver im Schärenlabyrinth hektisch werden könnten. Er sicherte die „flüssige Goldreserve“ – den schweren Rotwein und die Gläser – mit einer Konstruktion aus Küchentüchern und Klebeband, die selbst Thomas beeindruckt hätte. „Keine Panik, Amigos!“, rief er nach oben. „Wenn wir auf einen Stein laufen, sterben wir wenigstens mit einer erstklassigen Gazpacho im Magen!“

Plötzlich riss der Nebel für einen Moment auf. Direkt an Steuerbord ragte ein grauer Felsen aus dem Wasser, so nah, dass man ihn hätte streicheln können.

„Sven, das war knapp!“, rief Martin und korrigierte den Kurs um ein Haar.
„Das war präzise berechnet!“, gab Sven zurück, obwohl sein Puls vermutlich bei 180 lag. „Die Strömung hat uns versetzt, aber die App hat es in Echtzeit korrigiert!“

Thomas hob den Arm. „Da! Ich sehe was Gelbes!“

Tatsächlich. Aus dem Dunst schälte sich ein kleiner, leuchtender Punkt. Keine Bar, keine Tankstelle, sondern die gelbe Tonne von Töre. Das Ziel der MidsummerSail.

„Santiago, bring den Champagner hoch!“, brüllte Martin, und die Anspannung wich einem breiten Grinsen. Sie hatten das Nadelöhr passiert. Die CONZISKA glitt majestätisch auf das gelbe Metall zu, während Sven bereits die Durchschnittsgeschwindigkeit der letzten Meile in eine Excel-Tabelle eintrug und Thomas endlich die Schoten lockerte.

Als sie die Tonne schließlich rundeten, klirrten die Gläser. Santiago hob sein Glas: „Auf die Segel, auf die Steine und darauf, dass Sven sein Tablet noch hat!“

Als dann die CONZISKA schließlich direkt neben der legendären gelben Tonne aufstoppte, war die Stimmung eine Mischung aus ehrfürchtigem Schweigen und purem Adrenalin. 900 Meilen für diesen einen Moment.

„Wir brauchen einen Beweis“, sagte Martin und suchte in den Backskisten nach etwas Angemessenem. „Ein Selfie reicht nicht. Wir brauchen etwas Echtes von hier oben.“

Sven tippte sofort auf sein Tablet. „Laut schwedischem Seerecht und den Statuten der MidsummerSail ist das Entfernen von Navigationshilfen strengstens untersagt, Martin. Außerdem würde das unser GPS-Offset ruinieren, wenn die Tonne plötzlich fehlt.“

Thomas, der pragmatischste der Truppe, spähte über die Reling. Im glasklaren, eiskalten Wasser direkt am Fuße der Tonne glitzerte etwas. „Da unten liegt was“, murmelte er. Mit einem Bootshaken und der Präzision eines Chirurgen angelte er in der Tiefe, während Santiago ihn an den Beinen festhielt, damit er nicht unfreiwillig baden ging.

Nach drei Versuchen beförderte Thomas das „Objekt“ an Deck. Es war kein Gold und kein Wikingerschatz. Es war ein massiver, vom Meer rundgeschliffener Granitstein, der sich in einer alten, rostigen Kette verfangen hatte, die wohl mal zu einer früheren Verankerung gehörte. Das Kuriose: In den Stein war durch jahrelange Reibung an der Kette ein fast perfektes, kreisrundes Loch geschliffen worden.

„Ein Hühnergott vom Polarkreis!“, rief Santiago begeistert. „Das bringt Glück für die nächsten zehntausend Meilen!“

Doch das war noch nicht alles. Während die Jungs den Stein bestaunten, kramte Santiago in der Kombüse. Er hatte eine leere, edle Weinflasche dabei. Er füllte sie mit dem kristallklaren, fast süß wirkenden Wasser direkt am nördlichsten Punkt der Route und versiegelte sie mit Wachs von einer Kerze aus der Messe.

Sven, der eigentlich gegen „unwissenschaftlichen Tand“ war, zückte sein Beschriftungsgerät. Er druckte ein perfektes Label aus: „CONZISKA – Expedition Töre. Probe 001. 65° 54′ N. Stickstoffgehalt: Unbekannt. Glücksfaktor: 100%.“

Der Anker fiel, die Leinen waren fest, und die CONZISKA lag sicher im kleinen Hafen von Töre. Doch wer dachte, nach 900 Meilen würden die vier Segler erschöpft in die Koje sinken, der kannte die Eigendynamik dieser Crew nicht.

Der Steg in Töre war bereits ein einziges Farbenmeer. Überall wehten Flaggen, Musik schallte von den anderen Booten der MidsummerSail-Flotte herüber, und die tiefstehende Mitternachtssonne tauchte alles in ein goldenes, fast surreales Licht.

Martin atmete tief durch. „Jungs, wir haben es geschafft. Keine Untiefe erwischt, keine Kaffeelöffel verloren. Das verdient eine Belohnung.“

Das Signal für Santiago. Er verwandelte das Cockpit der CONZISKA innerhalb von Minuten in eine schwimmende Tapas-Bar. Er hatte irgendwoher einen riesigen Laib schwedischen Västerbotten-Käse organisiert, den er mit seinem mitgebrachten Serrano-Schinken kombinierte. „In Spanien feiern wir den Sieg mit Feuer, hier oben feiern wir ihn mit Licht!“, rief er und reichte die ersten Gläser nach draußen.

Sven hatte sein Tablet zum ersten Mal seit Wismar ausgeschaltet. Stattdessen hatte er das bordeigene Soundsystem so modifiziert, dass die Bässe genau im Rhythmus der kleinen Hafenwellen vibrierten. „Die akustische Resonanz ist optimal“, stellte er fest und wippte tatsächlich mit dem Fuß – ein historischer Moment für die Crew.

Thomas, der den ganzen Törn über eher der ruhige Pol war, wurde plötzlich zum Mittelpunkt des Stegs. Er hatte den Glücksstein von der gelben Tonne stolz auf den Tisch des Cockpits gelegt. Andere Segler kamen vorbei, bestaunten das Souvenir und bald tauschte man Geschichten aus: von Beinahe-Kollisionen mit Schweinswalen, von der Einsamkeit der Bottensee und von der besten Taktik gegen die Müdigkeit.

Als die Party ihren Höhepunkt erreichte, holte Martin die versiegelte Flasche mit dem Töre-Wasser hervor. „Wir machen sie nicht auf“, sagte er grinsend. „Aber wir stoßen auf sie an. Auf die CONZISKA und auf die beste Crew, die man sich zwischen Wismar und dem Polarkreis wünschen kann.“

Sogar die schwedischen Hafenmeister schauten vorbei, angelockt vom Duft von Santiagos Knoblauch-Garnelen, die nun auf einem kleinen Landgrill brutzelten. Es wurde gelacht, getanzt und – wie es sich für echte Segler gehört – maßlos übertrieben, wie hoch die Wellen vor Gotland wirklich waren.

Die Nacht wurde nie dunkel, und die Feier schien kein Ende zu nehmen. Als die Sonne wieder ein Stück höher stieg, saßen die vier Männer nebeneinander an Deck. Martin am Steuer, Sven ohne Daten, Thomas zufrieden schweigend und Santiago mit einer Gitarre, die er irgendwo unter einer Koje hervorgezaubert hatte.

Sie waren als Segler gestartet und kehrten als Legenden der MidsummerSail zurück – zumindest in ihrer eigenen Geschichte.

Logbuch-Eintrag: Ende der Expedition MidsummerSail
Datum: 29. Juni (Mittsommer)
Position: Marina Töre, Schweden
Meilen: 912 sm (Wismar – Töre)

Fazit der Reise:
Die CONZISKA hat sich als treue Lady erwiesen, auch wenn sie zeitweise mehr nach Knoblauch als nach Salzwasser roch. Die Crew-Dynamik war „interessant“:

  • Sven hat bewiesen, dass man den Ozean digital zähmen kann – sein Tablet lebt noch, auch wenn es jetzt Seepocken-Resistenz hat.
  • Thomas ist der menschliche Anker; ohne seine Ruhe hätten wir wahrscheinlich die Hälfte der Ausrüstung in der Bottensee versenkt.
  • Santiago hat das Unmögliche geschafft: Gourmet-Küche bei 25 Grad Lage und segeln wie ein Gott. Sein „Töre-Wasser“ ist nun unser heiligster Gral.

Besondere Vorkommnisse:
Ein Stein mit Loch (unser neuer Co-Skipper) wurde erfolgreich geborgen. Der Nebel in den Schären war dick wie Milchreis, aber die Stimmung danach klarer als skandinavischer Schnaps.

Status:
Boot: Salzig, aber heil.
Crew: Müde, aber glücklich.
Vorräte: Weinvorrat kritisch, Knoblauchvorrat erschöpft, Erinnerungsspeicher voll.

Unterschrift: Martin (Skipper)

Mal sehen, wie es wird